Bist Du ein Kontrollfreak?

Ich war zum Essen eingeladen. Es waren viele Leute zu gast. Der Tisch war sehr schön gedeckt, mit viel Liebe und der Perfektion nahe. Das Besteck lag fast millimetergenau an der gleichen Position neben jedem Teller. Dazu die Servietten perfekt gefaltet und alles sehr detailliert dekoriert.

So schön das auch aussah, war die Atmosphäre doch sehr bedrückend. Wir saßen alle da und ich konnte förmlich in der Luft spüren, wie jeder um mich versuchte bloß keinen Fehler zu machen.

Und die Gastgeberin hatte auch ein genaues Auge darauf. Allein ihr Blick, als die Person neben mir ihre Serviette nicht ordnungsgemäß auf ihrem Schoß ablegte, sprach mehr als tausend Worte.

Ich merkte sofort: Die Gastgeberin musste alles perfekt haben. Die Dekoration, das Essen, die Gäste, das Verhalten der Gäste, die Wörter, die die Gäste benutzten.

Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.

Natürlich war es ein schöner Anlass, aber der Druck im Raum war nicht wegzudenken. Und so traute sich auch kaum jemand ein Wort zu sagen. Es wirkte so, als hätten alle irgendwie Angst etwas Falsches zu sagen oder zu machen.

Die Gastgeberin nahm das Wort allerdings gekonnt an sich und versuchte die Gespräche des gesamtes Tisches zu lenken. Alles musste in ihre kleine Welt passen.

Die Stimmung war furchtbar und wir quälten uns über die Zeit.

Was erwartet der Kontrollfreak?

Die Gastgeberin war ganz klar ein Kontrollfreak. Alles musste nach ihrer Pfeife tanzen und so sein, wie sie es wollte.

Natürlich dachte sie, dass sie dadurch allen etwas Gutes tun würde. Sie dachte, dass es ein perfektes Essen sein würde, wenn alles genau so läuft, wie sie sich das vorstellte.

Doch damit hat sie genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie eigentlich wollte. Sie wollte, dass es allen gut geht. Aber eben nach ihren Erwartungen und nicht nach den Erwartungen jedes einzelnen.

Was heißt Kontrolle?

Klar, das war jetzt ein sehr extremes und eindeutiges Beispiel. Aber ich wette, dass so etwas im Kleinen schon jedem von uns passiert ist. Wir alle wollen mehr oder weniger kontrollieren. Und das ist ja auch gut so. Denn ein wenig Kontrolle braucht es auch. Aber man muss ja nicht gleich ein Kontrollfreak sein.

Einen gewissen Einflussbereich um uns herum können wir auch kontrollieren, doch eben nicht alle Menschen um uns herum. Das geht nicht und das macht unglücklich.

Denn in dem Moment, in dem wir versuchen alles zu kontrollieren, bauen wir eine Erwartungshaltung auf. Und wenn diese nicht erfüllt wird (was bei einem hohen Kontrollgrad so ist), dann sind wir unglücklich.

Welche Auswirkungen hat zu viel Kontrolle?

1. Ständige Unzufriedenheit

Der Kontrollfreak ist ständig unzufrieden. Das geht auch gar nicht anders. Denn er hat Erwartungen, die nicht erfüllt werden können.

2. Der Kontrollfreak kann keine Verantwortung abgeben

Er muss immer wissen, was wer wie macht und was wann passiert. Er gibt sich selbst die Verantwortung für alles und gibt nichts ab davon. Wie anstrengend! Und das geht Hand in Hand mit:

3. Kein Vertrauen

Dem Kontrollfreak fällt es schwer zu vertrauen. Und für mich ist Vertrauen das Gegenteil von Angst. Und daraus folgt der nächste Punkt.

4. Handeln aus Angst

Eine häufige Motivation des Kontrollfreaks ist die Angst. Er denkt viel daran, was passiert, wenn etwas nicht so funktioniert, wie er es gerne hätte. Er lebt viel in seiner Angst.

5. Der Kontrollfreak ist ständig im Kopf

Ihm fällt es schwer, loszulassen und er ist dadurch ständig in seinen Gedanken und in seinem Kopf. Er will ja schließlich alles mit dem Verstand lenken, kontrollieren und beeinflussen. Dazu braucht er seine Rationalität. Und die ist nunmal im Kopf.

Bist Du ein Kontrollfreak? So kannst Du damit aufhören

1. Lass los!

Übe, loszulassen und zu vertrauen. Mache dazu eine er zahlreichen Übungen aus diesem Artikel: entspannter werden

Lerne, aus Deinem Kopf zu gehen und in Deinen Körper. Dadurch wirst Du viel gelassener und entspannter.

2. Gib ganz bewusst Verantwortung ab

Erlaube anderen Menschen, selbst Entscheidungen zu treffen und lass sie die Aufgaben erledigen so wie sie wollen. Nicht wie Du willst. Hör auf, darüber nachzudenken, was andere genau tun sollen. Gib ihnen die volle Verantwortung und warte nur auf das Ergebnis.

Auch das ist eine Übungssache. Mache das immer wieder. Und beachte dabei den nächsten Punkt.

3. Erlaube Fehler

Es ist OK, wenn Menschen Fehler machen. Erlaube es anderen Menschen genauso wie Du es Dir erlauben solltest. Aus Fehlern lernen wir und es wird immer Fehler geben in dieser Welt.

4. Sieh ein, dass nichts perfekt ist

Und dazu kommt: Perfektion gibt es nicht. Lass den Gedanken an Perfektion los und gibt Dich mit weniger zufrieden.

 

Ob Du jetzt ein Kontrollfreak bist oder nicht: Überlege Dir, ob Du mit dem Maß an Kontrolle, den Du ausübst glücklich bist oder nicht. Und dann entscheide, ob es für Dich vielleicht sinnvoll wäre, etwas mehr loszulassen, mehr zu vertrauen und die Dinge auch mal geschehen zu lassen. Ganz ohne Dein zutun.

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Erwin Schmäh - 3. März 2014

Hey Stephan

Dieser Artikle bringt ein wichtiges Thema zur Sprache. Ja ich bin deiner Meinung: Kontrolle oder eben Kontrollverlust macht Angst. Welcher Begriff hier auch noch hinein passen würde ist MACHT oder machtlos.

Kontrolle und Macht halte ich in unserer Zeit für zwei Begriffe, oder eben Gefühle, die stark überschätzt werden. Und ich finde, in diesem Artikel mit der logischen Folge verknüpft werden, nämlich dem Leben einfach mehr zu vertrauen.

Gerne komme ich hin und wieder vorbei

Beste Grüsse
Erwin Schmäh

Antworten
    mail@stephanwiessler.de - 3. März 2014

    Ja, Erwin. Kontrollverlust kann Angst machen.

    Und dann hat man die Wahl: Mit (In) der Angst leben oder loslassen und sich davon zu befreien.

    Beste Grüße,

    Stephan

    Antworten
      Erwin Schmäh - 5. März 2014

      Stephan, ich bin nicht ganz deiner Meinung.

      Die Angst kann wahrscheinlich nicht einfach losgelassen werden. Menschen die grosse Angst haben, berichten das immer wieder. Es ist keine bewusste Aktion möglich um los zu lassen.

      Doch man kann mit der Angst gehen und die Dinge trotzdem tun. Anschliessend wird sich die Angst weniger bedrohlich wahr genommen und vielleicht nach einer Zeit weg bleiben.

      Schlimm wäre es, wenn es das grüne Monster im Keller fertig bringen würde, dass ich nicht in den Keller ginge. So hätte mich die Angst im Griff.

      Angst macht zuerst einmal wachsam und vorsichtig: Beide Gefühle sind meiner Meinung nach in Ordnung.

      Grüsse Erwin

      Antworten
        mail@stephanwiessler.de - 5. März 2014

        Ja Erwin,

        ich bin da ganz bei Dir. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das Loslassen nicht ganz so einfach ist. Ich hatte früher selbst eine Angststörung.

        Was ich vielmehr meinte: Mit der Angst handeln und dann kann man sie irgendwann loslassen.

        Grüße

        Antworten

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